Behinderungen der Sprache

Randnotiz: Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Eintrag veröffentlichen soll oder lieber nicht. Da ich aber als Blogger durchaus auch eine Verantwortung sehe, mich zu gesellschaftspolitischen Themen zu äußern, werde ich auch jetzt zu einem Thema Stellung beziehen, das eigentlich in unserer Gesellschaft nicht mehr wirklich diskutiert werden sollte.

„Bist du behindert?!“ Diese Frage ist mir vor kurzem während einer Diskussion gestellt worden. Ich habe es gewagt, die Thesen meines Gegenüber zu hinterfragen und kritisch zu bewerten.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht als weitere Randnotiz erwähnen, dass ich tatsächlich eine             angeborene Körpeprbehinderung habe, die aber nicht weiter auffällt und daher offensichtlich gerne mal von anderen übersehen wird.

Normalerweise habe ich bis jetzt solche Aussagen ignoriert. In dieser Diskussion habe ich mich allerdings dazu genötigt gesehen, diese rhetorisch gemeinte Frage zu bejahen. Was darauf folgte war eine Verschärfung der Diskussion gefolgt von einer Grundsatzdebatte ob ich denn jede Aussage wortwörtlich nehmen müsse.

Mich hat dieses Erlebnis frustriert und es beschäftigt mich bis heute – mehr, als es vielleicht sollte. Vor allen Dingen stelle ich mir in diesem Zusammenhang die Frage, wie das neutrale Wort „behindert“ überhaupt mit einer negativen Bewertung in unseren allgemeinen Sprachgebrauch kommen und sich nun seit mehreren Jahren dort halten konnte.
Mal ehrlich, wir leben in einer Gesellschaft, die sich eine monatelange Diskussion über Mohrenköpfe und Negerküsse leistet. Die anschließend die Kaufregale räumt und mit Schoko- und Schaumküssen füllt. Auch der Begriff „getürkt“ für eine Fälschung ist, Gott sei Dank, mittlerweile nach einer ausführlichen Diskussion nahezu in der Versenkung verschwunden.

Warum also brauchen wir nun neuen Randgruppen um etwas Negatives auszudrücken? Reichen unsere umfangreichen Ausdrücke wie „schlecht“, „scheiße“, „dumm“, „dämlich“ oder „asozial“ dafür nicht mehr aus? Nur so am Rande erwähnt, eine ähnliche Entwicklung lässt sich für den eigentlich neutralen Begriff „schwul“ feststellen.

Wir führen in dem Zusammenhang übrigens gerade eine weitere Diskussion zum Thema „Inklusion“. Die scheint offensichtlich spätestens beim alltäglichen Sprachgebrauch aufzuhören. Meiner Meinung nach sollte sie aber genau da anfangen: Solange der Begriff „behindert“ in unserer Alltagssprache herabwertend benutzt wird, findet eine automatische Abgrenzung und Herabwertung von Menschen mit einer tatsächlichen körperlichen oder geistigen Behinderung statt. Bevor wir uns also in der Praxis mit dem Thema Inklusion auseinandersetzen, sollten wir also erst einmal im Kleinen mit der Sprache anfangen und beschreibende Wörter wie „behindert“ oder „schwul“ genau also solche zu verwenden und jegliche Wertung aus ihnen entfernen. Erst dann können wir überhaupt anfangen von einer wahren Inklusion zu sprechen.

 

2 Kommentare zu „Behinderungen der Sprache

  1. Negative Ausdrücke gibt es genug, da sollte man „behindert“, „alt“ und „schwul“ nicht benutzen, wenn man etwas kritisieren oder abwertend bewerten möchte. Behinderte und auch alte Menschen haben in unserer Gesellschaft leider keine Lobby. Die Jugend und die Gesundheit wird gepriesen. Was jung hält und fit macht, ist in. Dabei wird jeder unweigerlich irgendwann mal alt und damit auch mehr oder weniger behindert. Die Altersbeschwerden sind auch mit guter Vorbeugung leider nicht zu vermeiden, wenn auch die Werbung etwas anderes verspricht. Da die „Sprache“, insbesondere das Deutsche, so ein bisschen mein Hobby ist, habe ich deinen Blog in meine Leseliste aufgenommen.
    LG Elke

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  2. Hallo Elke,
    Vielen Dank für deinen Kommentar. Schön, wenn andere Sprachbegeisterte hier her finden. Ich hoffe, du findest hier noch weitere Artikel, die dich interessieren.
    Es ist in unserer Gesellschaft schon manchmal erschreckend, wie sehr der Jugendwahn durchgreift. Ich sehe aber auch, dass sich so langsam eine Bewegung entwickelt, die sich gegen zu viel übertriebenen Perfektionismus und die damit verbundene Diskriminierung wehrt. Hoffentlich findet da langfristig ein gewisses Umdenken in der Gesellschaft statt. Sicherlich sollte man versuchen, gesund zu bleiben aber das ist keine Entschuldigung, nicht gesunde Menschen herabzuwürdigen. Man darf gespannt sein, was die Zukunft bringt.
    LG Sebastian

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