Eine Klasse für sich

Im europäischen Sprachraum haben sich im Laufe der Zeit bis zu drei grammatikalische Geschlechterrollen definiert, in die wir unsere Nomen einsortieren können. Die deutsche Sprache ist dabei schon mit 3 unterschiedlichen Geschlechtern, die auch noch von dem natürlichen Geschlecht abweichen können, schon eher ein Exot unter den Sprachen.

Es geht allerdings noch exotischer. Besonders in den Bantusprachen in Mittel- und Südafrika, aber auch in einigen Sprachen Mittel- und Südamerikas existieren so genannte Nominalklassen. Diese Klassen teilen Nomen Aufgrund ihrer Bedeutung oder ihrer Art in verschiedene Klassen ein. In den Mixtexsprachen in Mexiko existieren z.B. mehr als 8 dieser Klassen, die allerdings nie vollständig in einer Sprache vorkommen. Dabei wird neben der üblichen Unterscheidung zwischen männlich und weiblich auch zwischen jung und alt sowie zwischen menschlich und tierisch, heiligen Gegenständen, Flüssigkeiten und nicht animalischen Gegenständen unterschieden. Für jede Klasse existiert ein entpsrechender Klassifizierer, der an das Nomen angehängt wird, sowie ein eigenes Pronomen.

Bei so vielen Klassen bleibe ich doch lieber bei unseren drei grammatikalischen Geschlechtern, auch wenn diese nicht immer den natürlichen Geschlechtern folgen.

 

 

Da brat mir doch einer einen Storch

Jetzt ist schon wieder eine Woche vorbei und ich konnte mich nicht dazu aufraffen, etwas Neues zu veröffentlichen. Mea maxima culpa!

Heute geht es dafür zur Abwechslung mal in die Welt der Sprichwörter. Im übertragenen Sinn steht das Sprichwort „da brat mir einer einen Storch“ ja als Ausdruck für Verwunderung oder Überraschung. Warum aber soll ausgerechnet Meister Adebar in der Pfanne landen? Der Grund dafür liegt in der besonderen Bedeutung von Störchen in Fabeln und Märchen. Dort galten die Störche als Glücksbringer und Symbole der Fruchtbarkeit. Einen Storch zu braten galt demnach als unglücksbringend, in der Bibel ist der Verzehr von Störchen sogar ausdrücklich verboten (Lev 11;19).

Bevor also einer einen Storch brät, muss schon etwas sehr Ungewöhnliches passiert sein, eben wie der viel zu schnell eingetretene Abschluss der Woche.

Ich klebe euch eine

Unkameradschaftlichkeit. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit diesem Wort mal einen Blogeintrag beginnen werde. Tatsächlich ist der Begriff ein Phänomen, steht er doch im Duden als längstes deutsches, nicht zusammengesetztes Wort.

Bei Wortzusammensetzungen oder Wortkomposita ist die deutsche Sprache erbarmungslos, zumindest wenn es um Substantive geht. Jeder hat wohl schon einmal die Donaudampschifffahrtsgesellschaftskapitainsausbildungsvergütungsverordnungskommission gelesen. Es gibt allerdings Sprachen, die sind in Sachen Zusammensetzung noch effizienter als die deutsche Sprache. So genannte agglutinierende Sprachen können durch das Ansetzen von Suffixen und Präfixen an ein Wort dessen grammatikalische Bedeutung verändern und so ganze Sätze in einen Begriff zusammenfassen.

Die türkische Sprache ist ein schönes Beispiel für eine solche grammatikalische Eigenschaft:

Das Wort ‚ev‘ bedeutet übersetzt „Haus“. Hängt man jetzt ein -er als Suffix, erhält man ‚evler‘, Häuser. Ein weiteres Suffix -im verändert die Bedeutung zu ‚evlerim‘, meine Häuser. Ein letztes Suffix -de sorgt schließlich dafür, dass der Begriff ‚evlerimde‘  mit „in meinen Häusern“ übersetzt werden kann. Wo die deutsche Sprache also drei Wörter mit drei unterschiedlichen grammatikalischen Funktionen nutzen muss, hängt die türkische Sprache einfach Suffixe an den Stamm um einen vergleichbaren Ausdruck zu erzielen.

Ein weiteres schönes Beispiel ist der Filmtitel eines türkischen Films: Uçurtmayı vurmasınlar, der in der deutschen Übersetzung als „Sie sollen den Drachen nicht runterschießen“ betitelt worden ist.

Der türkische Titel besteht dabei aus folgenden Wörtern:

ucurt – Drache

ma – nicht

yi – den

vur – schießen

ma – Verneinung

sin – sein

lar – Plural

Bei so vielen Informationen in einem Begriff kann selbst das längste deutsche Kompositum nicht mehr mithalten.

Sprachverfall vs. Sprachwandel

Immer wieder höre und lese ich, dass die Jugend von heute nicht mehr in der Lage ist, sich „richtig“ auszudrücken. Der so genannte „Sprachverfall“ alarmiert die Gelehrten, die sich um das Aussterben der deutschen Sprache fürchten. Ich frage mich allerdings, ob diese befürchteten Horrorszenarien wirklich so schlimm ausfallen werden. Tatsächlich scheint besonders die Schriftsprache durch den Umgang mit den neuen Medien und Spracherkennungsprogrammen uneinheitlicher und ungenauer zu werden; eine Entwicklung, der man sicher stärker entgegenwirken sollte. Unsere Sprache an sich verfällt dadurch aber sicherlich nicht. Sprache an sich unterliegt einem ständigen Wandel, Begriffe werden neu interpretiert, fallen weg oder kommen durch Kontakt mit anderen Sprachen hinzu. Kaum eine Sprache, abgesehen von vereinzelten Inselsprachen wie isländisch bleibt über mehrere Jahrhunderte konstant.

Schauen wir uns unsere eigene Sprache an, werden wir auch feststellen, dass sie sich über die Jahrhunderte stark verändert hat. Angefangen bei den Minnegesängen von Walther von der Vogelweide über die erste deutsche Ausgabe der Bibel von Martin Luther bis hin zu Goethe, Brecht und Härtling ist doch eine deutliche Veränderung in der Sprache zu erkennen. Diese Veränderungen werden sich auch in Zukunft sehen lassen. Sicherlich ist es sehr ungewohnt, dass wir einen Teil unserer Gefühle neuerdings mit Smileys und Emoticons zum Ausdruck bringen. Aber auch das kann nach meiner Ansicht, wenn wir es denn zu lassen, zu einem festen Teil unserer Sprachkultur werden, ohne dass unsere Sprache dadurch verfallen würde.

Sprache ist etwas Wunderbares und wir sollten darauf achten, dass sie in sich einheitlich und verständlich bleibt. Gleichzeitig ist es schön, wenn altertümlich wirkende Begriffe wie blümerant oder Brimborium weitergegeben werden. Aber wir sollten uns auch nicht vor neuen Ausdrucksmöglichkeiten, neuen Begriffen oder neuen Ausdrücken verschließen. Sprache ist lebendig und wird es immer bleiben.

In diesem Sinne noch ein Bild, in dem ein tatsächlicher Sprachverfall deutlich erkennbar ist.

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